2016/09/11

Kurzgeschichte: Mr. Ego

Eine kleine Kurzgeschichte welche mir am Heimweg aus Berlin eingefallen ist und sofort niedergeschrieben werden musste. Enjoy.

“Lass es doch einfach!” sage ich. Schon wieder. Seit einer gefühlten Ewigkeit versuche ich nun diesen Idioten von seinem Trip runter zu holen. Ich habe ihm jetzt zig Mal erklärt dass das keine gute Idee ist, dass das hier niemand braucht und niemandem hilft. Mir nicht und ihm ganz sicher auch nicht. Vergebens.

Plötzlich ändert sich seine Körperspannung. War ja klar, er kann es nicht lassen. Ich habe jetzt lange genug versucht das zu vermeiden, meine Geduld ist nun zu Ende. Meine Optionen ebenfalls, die hat Mr. Ego gerade höchstpersönlich vernichtet. Na gut, dann eben so.

Mein Verstand nimmt sich zurück, er vertraut meinem Körper. Meine Sinne arbeiten um ein vielfaches schneller als sonst. In jeder anderen Situation würde mein Geist jetzt heillos im Information Overkill landen und absolut paralysiert sein. Aber nicht jetzt, nicht hier. Das wäre wirklich nicht besonders Zielführend und außerdem auch scheiß Gefährlich. Aber bevor alles im Chaos von zu vielen Informationen untergeht passiert noch etwas ganz Anderes. Programm Ü wird ausgelöst. Keine Diskussion, kein Aber. Phase eins beginnt.

Erstmal wird gerade alles neu verdrahtet. Input und Output sind fast direkt miteinander gekoppelt. Dazwischen nur Filter und Reflexe. Genau für solche Situationen sind unmengen an Möglichkeiten bereits gelöst, interpretiert und verbessert. Überraschungen sind zwar immer Möglich, aber unwahrscheinlich. Sollte eine auf mich zukommen wird sie auf dieser Ebene gelöst, ein minimaler Zeitunterschied anstelle der gespeicherten Lösung, kaum der Rede wert.
Das Bewusstsein ist nur Zuseher. Zu Analysezwecken.

Der Plan wird weiter ausgeführt. Phase 2: Scan. Im Bruchteil eines Bruchteils einer Sekunde wird erstmal Information gesammelt. Meinen Geist arbeitet wie auf einer Überdosis Speed, nur bin ich nicht high. Zum Glück bin ich nicht ganz bei Bewusstsein, das wäre wirklich anstrengend. Der installierte Filter aus Phase 1 funktioniert einwandfrei. Nur keine unwichtigen Details jetzt. Dafür alles andere und viel davon.
Mr. Ego ist sofort fertig analysiert. Positionen aller notwendigen Punkte sind sofort erfasst, stellung im Raum ebenso. Gefahrenpotentiale sind erkannt, kategorisiert und nach dringlichkeit geordnet.
Der nächste Scan beginnt sofort. Selbstanalyse. Halbwegs zufrieden beendet die Ü Programmierung die Selbsterkenntnis. Verbesserungswürdig aber brauchbar. Das muss besser werden. Meldung darüber an den Geist wird sofort gemacht, aber der hat jetzt nur zuzuhören. Bis der jetzt reagiert ist es zu spät.

Weiter mit Plan Ü. Phase drei: Action.
Alle Informationen sind geladen, Daten über die Umwelt liegen vor. Das muss reichen. Was nun passiert ist am Eigenartigsten. Der Grund warum das Hirn dem Computer immer noch überlegen ist passiert genau hier, auf dieser Ebene. Aus der unendlich großen Mengen an Möglichkeiten wird die beste ausgewählt, ganz ohne Zeitverzögerung. Beeindruckend schnell, ohne großen Aufwand. Wenn wir das nur könnten.
Programm Ü fackelt nicht lange. Dafür wurde es ja auch mühsam über Jahre hinweg angelegt und trainiert. Jetzt darf es mal endlich machen.

Und das tut es auch. Und wie.
Die geladenen Informationen werden direkt in Realität übersetzt. Einige Details dazu werde ich nach der ganzen Situation vergessen haben. Mein Gegenüber allerdings nicht.
Der output Kanal befindet sich im Dauerfeuer. In solchen Situationen wird die Aufnahmekapazität der Nerven einfach kurzzeitig vergrößert. Auch etwas das uns der eigene Körper voraus hat.
Der Rest des Körpers gehorcht sofort. Bewegungen welche tausende male bereits ausgeführt werden laufen nun endlich mal in maximaler Geschwindigkeit an. Mein Körper freut sich.

Mr. Ego ist dabei auszuholen. Selbst schuld, das war sein Fehler. Programm Ü zu triggern ist einfach keine gute Idee. Außerdem hat der Geist gerade kein Recht und auch keine Möglichkeit einzugreifen. Zurück gibt es nicht.
Vorwärts, auf in den Kampf. Normale Menschen laufen nicht zur Gefahr. Ich aber schon, dort ist es sicher. Ein paradoxes Gesetz welches ich schon lange nicht mehr hinterfrage.
Mr. Ego hat damit offensichtlich ein konzeptionelles Problem, aber das fällt ihm jetzt zu spät auf. Aus dem Nichts erscheint mein Arm und stellt sich ihm in den Weg, lange vor dem Kontakt. Keine Ahnung woher der gekommen ist, die Konzentration liegt beim zweiten Arm. Meine Körpermitte ist schon längst am Weg nach unten und vorne. Die halb geschlossene Hand überholt den Rest, beschleunigt durch das Drehmoment aus den Hüften.
Aber das ist kein Angriff. Hier kommt nur der Schock. Die Hand berührt den Rumpf meines Gegenübers knapp unter dem Rippenbogen, etwas auf der linken Seite. Perfekt. Das Auftreffen ist für mich nur ein kleiner Kontakt, als würde man in die Hände klatschen. Mr. Ego sieht das allerdings anders.

Schockiert durch den unerwarteten Treffer und dessen Wucht beginnt er sich nach vorne zu Krümmen. Perfekte Reaktion, genau das sollte ja auch passieren. Hand nummer zwei hat schon längst zugegriffen, ein Reflex der noch tiefer als Programm Ü sitzt. Meine Körperbewegung wird von meinen Beinen automatisch in einen Halbkreis verwandelt. Die Jacke hindert mich etwas, ein weiterer Punkt für die ToDo Liste des Geistes. Der Griff sitzt nicht perfekt aber dafür sehr fest. Ready to rock, locked and loaded. Mit der Drehung kommt der Schmerz. Ich weiß das aus jahrelanger Erfahrung. Mein Gegenüber auch bald, nur muss er die Erfahrung wesentlich schneller machen.

Wenn das Gelenk eines Menschen unter mechanischer Einwirkung zu sperren beginnt hat das ein ganz eigenes Feeling. Man spürt das Gefühl des anderen, seinen Schmerz und seine Toleranz dessen. Das ist gut, damit kann man arbeiten. Mr. Ego hier braucht einen Reality Check. Ich bin mir nur nicht sicher ob er das so vor hatte. Aber das hat er sich selbst eingebrockt.
Ich drehe mich und bemerke wie sich die Spannung in seinem Handgelenk und Unterarm vergrößert. Der Punkt an dem er Schmerzen empfindet ist bereits überschritten. Programm Ü wechselt noch einmal kurz in Phase 2 während sich mein Körper nach meinem Zeitempfinden in Slow Motion bewegt. Nach der Analyse steht das weitere Schicksal von Mr. Ego fest. Er wird es wohl überleben, wenn auch mit einiger Zeit Reha. Das Gelenk blockiert nun endgültig. Das Gleichgewicht war schon zum Zeitpunkt meiner Vorwärtsbewegung gebrochen, alles weitere übernimmt die Physik. Gravity is a ruthless Bitch.

Mr. Ego kippt nach hinten. Schlag nummer Zwei ist schon unterwegs, wäre jedoch gar nicht mehr nötig. Egal, das aufzuhalten wäre nur Mühsam. Die omnipräsente Schlagwaffe namens Erde kann man nicht verfehlen. Damit der Idiot das ganze halbwegs unbeschadet übersteht Bremse ich seinen Fall ein wenig ab. Der Aufschlag ist dennoch keine angenehme Erfahrung für ihn. Das ist nicht nur offensichtlich sondern auch deutlich zu Hören.

Programm Ü beschließt sich zurück zu ziehen. Auf dem Rückzug feuert es jedoch nochmals zwei Befehle ab, nur so zur Sicherheit. Befehl Eins endet mit einem sehr unsanftem Auftreffen meines Fußballens auf seiner rechten Niere. Eine Bewegung welche mein Körper schon so oft durchgeführt hat dass sie nicht einmal mehr vom Programm Ü wahrgenommen wird. Nummer zwei geht nahtlos daraus hervor. Mr. Ego hat nun auch noch einige sehr schmerzende Rippen und eine unnatürliche Stellung des Handgelenks zu verarbeiten. Gut so.

Mein Bewusstsein bekommt die Entscheidungsgewalt zurück. Programm beendet, alles Easy, alles unter Kontrolle.
Der Kontextwechsel dauert ein paar Augenblicke in denen mein Bewusstsein damit beschäftigt ist zu verstehen wie der Körper in dieser Situation gelandet ist und was nun zu tun ist. Aufarbeitung wird auf später verschoben. Erst mal muss Geklärt werden wie es jetzt weiter geht.

“Ich hab dir doch gesagt du sollst mich in Ruhe lassen. Was sollte der Scheiß?”
Nach ein paar Momenten, in denen sich Mr. Ego sammelt, verlautbart er mit einem großzügigen Maß an Arroganz:
“Leck mich doch du verdammte Schlampe! Dir werde ich gleich zeigen was es heißt zu mir Nein zu sagen! Dein Arsch gehört mir!”.
Aha, einer der es einfach nicht kapieren will. Ich habe aber mein Bestes bereits gegeben und habe jetzt keine Nachsicht mehr. Die Stellung des Handgelänks wird spürbar unnatürlicher. Mr. Ego reagiert darauf mit Gegenwehr. Jetzt reicht es aber.
“Also Gut, dann eben so.” säufze ich. Ein kurzer Ruck, ich stehe auf und blicke zu Boden. Unter mir spielt sich ein kleines Drama ab. Mr. Ego hat eine sehr ungesund wirkende Hautfarbe angenommen und versucht vergeblich seinen Arm in einer Position zu halten die nicht schmerzhaft ist. Seine Schulter wirkt etwas deplaziert und unförmig. Er ist auf einmal sehr laut geworden.

Wärend eine endlose Tirade an Schmerzensschreien und Wimmern auf mich einprasselt stehe ich auf. Mein Geist beginnt bereits die Aufarbeitung zu planen, lässt sich aber noch Zeit. Ich ziehe meinen Minirock gerade, richte meine Frisur, ärgere mich über den abgebrochenen Absatz und verlasse die kleine Gasse neben der Bar.